Werkstatt

Stefan Heimann

Redakteur/Autor

 

Kleine Schreibwerkstatt

 

Egal ob Fachartikel, Liebesbrief oder Romankapitel: Wenn man einen richtig guten Text braucht, sollte man nicht einfach drauflos tippen. Es gibt ein paar Regeln, die es zu beachten lohnt. Hier mein persönliches Rezept:

 

1. Ziel klarmachen

Am Anfang ist es wichtig, sich über die Ziele des Textes klar zu werden: Wen will ich erreichen? Was will ich rüberbringen? Und wie will ich das schaffen, also was für ein inhaltliches oder argumentatorisches Gerüst brache ich dafür? Gegebenenfalls macht es Sinn, dies in wenigen Sätzen oder Stichpunkten zu skizzieren, damit man es selbst ganz klar vor Augen hat.

2. Mittel wählen

Dann sollte man sich Gedanken über die Form machen: Welcher „Ton“ ist sinnvoll, mit welchem sprachlichen Stil vermittelt man der Zielgruppe diesen Inhalt am besten? Und wenn der Text Teil eines längeren Werks ist: Wie kann er gut eingebettet werden? War beispielsweise die letzte Szene sehr ernst, macht es vielleicht Sinn, hier humorvoll zu schreiben, um den Leser „bei Laune“ zu halten.

3. Inhalte sammeln

Nun geht es an die Inhalte: Welche Punkte sollen rein? Stichpunkte reichen hier. Am besten zuerst mit den wichtigsten Inhalten anfangen und alles weitere direkt darauf abstimmen.

4. Reihenfolge festlegen

Nun kommt die Reihenfolge. Oder, damit der eigene Anspruch gleich hoch aufgehängt ist: Es geht um Strategie und Dramaturgie. Ein wichtiger Arbeitsschritt also: Wie sollten die gerade gesammelten Stichpunkte angeordnet sein, damit man sein Ziel erreicht? Passen da wirklich alle Punkte rein oder fehlen vielleicht noch welche? Dann streichen bzw. ergänzen und dann alle Stichpunkte in die richtige Reihenfolge bringen.

5. Nochmal alles überdenken

Jetzt nochmal innehalten und sich das alles anschauen: Ist die Liste, die man nun vor sich hat, wirklich geeignet, um das Ziel zu erreichen? Dies ist insbesondere wichtig bei Argumentation und bei narrativen Texten für einen tragfähigen Spannungsbogen. Außerdem ist es bei Erzählung wichtig, auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Handlung, Reflexion und Emotionen zu achten. Dominiert einer dieser Ausrichtungen zu stark, wird es langweilig. Und last but not least: Wenn die Sammlung zu viel des Guten ist, dann muss gekürzt werden!

6. Text draus machen

So, jetzt erst geht es richtig ans Schreiben: Die gesammelten und sortierten Stichpunkte müssen nun ausformuliert und zu einem zusammenhängenden, in sich geschlossenen Fließtext zusammengefügt werden. Dabei geht es noch gar nicht so sehr um tolle Formulierungen…

7. An Formulierungen feilen

Um die Formulierungen kümmert man sich am besten in einem separaten Arbeitsschritt. Dafür sollte man sich genug Zeit nehmen: Die Formulierungen sind mehr als nur die Verpackung des Inhalts. Es lohnt, sich an dieser Stelle nochmal daran zu erinnern, was man sich in Schritt zwei zur Form überlegt hatte: Soll der Text bildhaft werden oder nachrichtlich oder wissenschaftlich korrekt? Ein paar Punkte gelten aber immer: So sind lange Schachtelsätze eigentlich nie eine gute Wahl. Und Passivkonstruktionen und nutzlose Fremdwörter sollte man auch vermeiden.

8. Kritisch überprüfen

Fertig? Schön. Und jetzt bunt malen! So mache ich das jedenfalls: Ich lese alles nochmal kritisch und markiere dabei Stellen, bei denen ich mir unsicher bin oder die nachrecherchiert werden müssen, grün. Und rot markiere ich alles, das definitiv nicht so bleiben kann. Und dann einfach immer weiter überarbeiten und lesen, bis alles wieder schön weiß ist. Dafür ist häufig gnadenloses Kürzen nötig.

9. Wörter checken

Nun lohnt sich ein Blick auf die einzelnen Worte: Die meisten Menschen haben unbewusste „Lieblingsworte“, die sie in jeden zweiten Satz einbauen. Zu häufige Wortwiederholungen sollte man unbedingt vermeiden. Auch sollte man mal überlegen, ob man immer die richtige Wortwahl betroffen hat. Ist das vornehme „Benötigen“ wirklich die richtige Wahl oder nicht vielleicht das direkte „Brauchen“? Und gerade bei fiktionalen Texte neigen viele dazu, bei ihren Lieblingsbüchern abzugucken. Wenn deren Autoren aber schon 50 Jahre tot sind, klingt der nagelneue eigene Text schnell auch ganz staubig. Wenn man alles behoben hat, ist eine vernünftige Rechtschreibprüfung angesagt.

10. Gegenlesen lassen

Nach einer so intensiven Arbeit am eigenen Text fehlt einem häufig der nötige Abstand. Dann hilft es, andere Leute um ein kritisches Lesen zu bitten. Aber es muss wirklich kritisch sein: Insbesondere die eigenen Eltern sind häufig zu nachsichtig. Kritik gibt es auch online: bei federteufel.de zum Beispiel. Und dann: alles einarbeiten, korrigieren und fertig schreiben!

Ist das zu verkopft für einen Liebesbrief? Ja, vielleicht.

Also beim Liebesbrief: Doch einfach drauflos schreiben!

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